Allein und glücklich – und die Partnerbörsen boomen
Allein und glücklich - und die Partnerbörsen boomen
Wie passt das zusammen? Ich scheine etwas nicht richtig zu verstehen.
Auch wenn Facebook nicht meine Lieblingsspielwiese ist, so besuche ich dieses Social Media Portal doch häufiger. Ich gebe zu, nicht nur aus geschäftlichen Gründen, so etwas neugierig bin ich ja auch. Schließlich schläft die Konkurrenz ja nicht. Auch das ist beruflich und privat gemeint.
Und so gilt den Gruppen 60+ mein besonderes Interesse. Und das finde ich schon recht faszinierend. Denn dort begegne ich regelmäßig immer mehr Menschen, die ihr Leben allein nicht nur gut meistern, sondern geradezu feiern. „Ich brauche keinen Partner!“, „Allein lebt es sich am besten!“, „Endlich frei!“ oder „Nie wieder Kompromisse!“ lese ich dort immer wieder.
Wenn das alles so stimmt, dann müsste eigentlich eine ganze Branche vor dem Aus stehen. Partnerbörsen müssten ihre Türen schließen, Datingportale zu Kochseiten umfunktionieren und Singlebörsen vielleicht auf den Handel mit Gartenzwergen umsteigen.
Doch seltsamerweise passiert genau das Gegenteil, wie ich inzwischen ganz erstaunt feststelle. Partnerbörsen boomen. Millionen Menschen suchen dort Kontakte, Freundschaften oder die große Liebe. Und da sitze ich dann vor dem Bildschirm und frage mich: Was sehe ich falsch?
Natürlich freue ich mich darüber, dass viele Menschen inzwischen gelernt haben, allein gut zurechtzukommen. Das ist eine wunderbare Entwicklung. Niemand sollte von einem Partner abhängig sein, um ein erfülltes Leben zu führen. Aber zwischen „Ich komme allein gut zurecht“ und „Ich wünsche mir keinen Menschen an meiner Seite“ liegt doch ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Viele Menschen haben gelernt, ihr Leben selbstständig zu gestalten. Sie reisen allein, gehen allein essen, treffen eigene Entscheidungen und genießen ihre Freiheiten. Das finde ich super. Aber bedeutet das automatisch, dass man auf Nähe, Zuneigung oder gemeinsame Erlebnisse verzichten möchte?
Das erlebe ich wirklich ganz anders.
Schließlich besitzen so viele Menschen gleich mehrere Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu kommen. Da sind Facebook, WhatsApp, Instagram, Partnerbörsen und was es sonst noch alles gibt. Offenbar ist der Wunsch nach Verbindung erstaunlich hartnäckig.
Vielleicht wäre die ehrlichere Aussage deshalb: „Ich bin auch allein ein glücklicher Mensch. Aber wenn mir ein netter Mensch begegnet, freue ich mich darüber.“
Das klingt zwar nicht besonders spektakulär gegenüber so mancher Facebook-Parole, doch dafür klingt es für mich deutlich menschlicher.
Ich finde es sehr gut, dass die meisten Menschen heute keine bessere Hälfte mehr suchen, auch keinen Retter und keinen Versorger. Aber sie suchen doch jemanden, der einen ohnehin schon schönen Alltag noch ein kleines Stück schöner macht.
Und genau deshalb werden Partnerbörsen vermutlich auch in Zukunft weiterhin gut besucht sein. Und während um 21:47 Uhr auf Facebook verkündet wird: „Ich brauche niemanden!“, überprüft man um 21:55 Uhr noch schnell die Nachrichten auf der Partnerbörse. Denn hoffen darf man ja.